Ein anspruchsvoller Bergeeinsatz unterhalb der Zugspitze

Mitte Oktober, die Saison der Sommerdienste ist fast vorbei. Das schöne Herbstwetter lässt, zumindest im Tal, auf sich warten, stattdessen sitzen wir in der ewig gleich trüben Brühe bei etwa 10 Grad Außentemperatur. Der Wind tut noch das seinige dazu, um den Wohlfühleffekt so richtig aufkommen zu lassen.

Samstag Nachmittag, 15.44 Uhr. Ich komme gerade vom Großeinkauf zurück und beginne, den Schweinsbraten für den Sonntag vorzubereiten. (BTW, der war hervorragend.) Plötzlich ertönt das Martinshorn aus dem Handy – Bergrettungsalarm! Die nächsten Minuten laufen wie am Schnürchen ab, die ganze Familie hilft mit. Umziehen, Getränk machen, mit der Leitstelle telefonieren und ab ins Auto.

Situation: am Stopselzieher wurde durch einen Wagenführer der Tiroler Zugspitzbahn ein verletzter Bergsteiger gesichtet. Während der Einsatzleiter die anfangs unklare Situation klärt, packen wir derweil die Ausrüstung und Auto und bereiten und vor. Erste Frage: wie kommen wir hinauf? Sofort wird der Hubschrauber angefordert, der sich auch gleich auf dem Weg macht. Kurz bevor er bei uns ist, dreht er ab und fleht zu einem dringenderen Einsatz. Der zweite Hubschrauber kommt ein paar Minuten später. Nach einer kurzen Lagebesprechung fliegt er eine Erkundungsrunde. Ergebnis: die Wolkendecke ist zu dicht, es ist kein Durchkommen. Uns bleibt nur die Alternative, mit der Bahn aufzufahren und dann zum Patienten abzusteigen.

Zu dritt machen wir uns auf den Weg. Wir bilden damit die schnelle Gruppe. Unsere Aufgabe ist es, die Erstversorgung durchzuführen und den Patienten und das Umfeld zum Abtransport fertig zu machen. Der gesamte Ablauf verläuft reibungslos. Wir erreichen den Bergsteiger kurz nach 17 Uhr bei noch blauem Himmel – kein Wunder, wir befinden uns oberhalb der Wolkendecke – auf ungefähr 2500Hm. Das lädierte Knie wird versorgt und der Patient mit mehreren Decken, Alu-Rettungsdecken, Wärmekissen und -decken warm eingepackt. Dabei stellt sich heraus, dass ein Abtransport nur liegend erfolgen kann, an einen Aufstieg zur Bergstation ist nicht zu denken. Der Plan wird an die Zentrale gefunkt, dort werden dann sofort weitere Ressourcen angefordert. Neben Kameraden aus der eigenen Ortsstelle kommen uns auch noch Mitglieder der Bergwacht Grainau zu Hilfe. Diese Zusatzalarmierung hat sich im Endeffekt als äußerst hilfreich erwiesen.

Bis zum Eintreffen der Hauptmannschaft machen wir, Heinz und ich, uns auf die Suche nach einem geeigneten Standplatz für das Abseilen. Im glatten, kompakten Fels finden immerhin drei Normalhaken Platz. Kaum ist die zweite Mannschaft vor Ort, wird auch schon fleißig mit allerlei Arbeiten begonnen: die Trage wird montiert, der Standplatz fertig eingerichtet, die Abseilroute geplant und inspiziert sowie der nächste Standplatz gesucht.

Der anschließende Abtransport beginnt kurz vor 19 Uhr und erfolgt über den Klettersteig, das letzte Stück wird senkrecht über den Klettergarten abgeseilt. Insgesamt beträgt die Abseilstrecke etwa 600m. Dank der 200m-Dyneemaseile schaffen wir es mit zwei Zwischenständen. Durch das Körpergewicht des Patienten – er wiegt mehr als 100kg – sind zwischen vier und acht Retter nötig, um die Trage über den Fels zu bugsieren.

Durch das österreichische Schneekar geht es in stockdunkler Nacht bis zur Wiener Neustädter Hütte. Dort heißt es, den Patienten nochmals etwa 50Hm Richtung Ehrwalder Kopf zu tragen, um eine Position unterhalb der Tiroler Zugspitzbahn zu erreichen. Mit Hilfe einer Motorwinde wird der Patient in die Gondel gezogen. Der weitere Abtransport ins Tal bzw. ins Krankenhaus erfolgt dann problemlos.

Wir nehmen in der Zwischenzeit den Abstieg zur 2er-Stütze in Angriff. Im Dunkeln ist der teilweise rutschige und schneebedeckte Weg recht anspruchsvoll. Nach Stunden der Konzentration und höchsten Anstrengung sind wir alle schon etwas müde. Bei der Stütze angekommen, besteigen wir diese (gesichert!) und steigen in die auf uns wartende Gondel. Zu diesem Zeitpunkt ist es bereits 22.30 Uhr. Mein Einsatz am Berg hat da beinahe sechs Stunden gedauert!

Müde aber zufrieden fahren wir ins Tal und lassen uns mit dem BR-Auto zur Zentrale bringen. Die Pizzen, die wir in der Gondel telefonisch bestellt hatten, werden kurz darauf geliefert. Nachdem das Mittagessen für die meisten Retter das letzte Essen war, bleibt nichts mehr übrig.

Im Nachhinein ist der Einsatz aus meiner Perspektive sehr gut gelaufen. Die schnelle Gruppe war wirklich schnell und effizient, der Ablauf und die in dieser Dimension nicht geübte Zusammenarbeit mit den Grainauer Kameraden verlief sehr zufriedenstellend. Die Unterstützung durch die Tiroler Zugspitzbahn war wie immer hervorragend. Die lange Einsatzdauer – vom Alarm bis zum Ausklang im BR-Raum vergingen rund sieben Stunden – forderte uns alle.

An dieser Stelle sei den Kameraden der Bergwacht Grainau auch herzlich für die Unterstützung gedankt!

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