Verloren – Gesucht – Gefunden: Der Ablauf eines Sucheinsatzes

Sucheinsätze sind eine Herausforderung für Rettungskräfte. In der Regel wissen wir nicht genau, wo sich die zu suchende Person aufhält, und zwar einfach deshalb, weil die betreffende Person selbst nicht weiß, wo sie ist. Irgendwie logisch, sonst wäre es ja kein Sucheinsatz. Manchmal sind aber auch die Ortsbeschreibungen der Personen so vage, ungenau oder schlicht falsch, dass wir erst durch lange Fragerei das Suchgebiet eingrenzen können.

Die örtliche Ungenauigkeit bedingt, dass viele Retter am Einsatz teilnehmen. Gerade bei Suchalarmen ist eine große Mannschaft erforderlich, und so kommen leicht einmal 30 Retter zum Einsatz.

Die Unsicherheit bezüglich des Suchortes und die große Mannschaftsstärke machen den Einsatz komplex. Der Einsatzleiter der Bergrettung (die offizielle Einsatzleitung liegt bei der Polizei), der bei solchen Einsätzen meist in der Ortsstellenzentrale sitzt, muss immer die Übersicht haben, wo seine Leute sind. Und am Ende des Tages oder des Einsatzes muss auch sichergestellt sein, dass jeder Retter wieder sicher in der Zentrale ist.

Lange, erfolglose Sucheinsätze werden immer wieder auch abgebrochen. So ein Einsatzabbruch muss allerdings gut überlegt sein. Es reicht nicht mehr zu sagen, es wäre überall gesucht worden, heutzutage muss das auch belegt werden. Dabei hilft die Such-App der Bergrettung Tirol, die seit etwa 2013 im Test bzw. Einsatz ist.

Die Such-App gibt es dabei in zwei sich ergänzenden Varianten: Einer webbasierenden App für die Einsatzverwaltung in der Zentrale und einer Handy-App für den Retter.

Im Wesentlichen läuft ein Sucheinsatz aus Sicht des BR-Einsatzleiters so ab:

  1. Nach der Alarmierung wird die Zentrale besetzt und möglichst bald Kontakt mit der vermissten Person hergestellt. Ziel ist es, eine genaue Beschreibung des Ortes oder der Umgebung zu erhalten.
  2. In der Zentrale werden die Such-App gestartet und die ersten Einsatzdaten erfasst. Dazu zählen Personendaten, Beschreibungen und ähnliches.
  3. Die eintreffenden Retter werden in der App erfasst und aktiviert oder melden sich selbst mit der App zum Einsatz an. Sobald sie aktiv sind, erhalten sie regelmäßig die aktuellen Infos über die App direkt auf das Mobiltelefon.
  4. Das Suchgebiet und andere markante Punkte werden in der App eingezeichnet.
  5. Definition von Suchmannschaften
    Suchmannschaften

    Die Retter werden in Suchgruppen zusammengefasst, Gruppenleiter bestimmt und Funkgeräte ausgegeben. Jedes Funkgerät hat seine eigene Kennung, seinen Rufnamen. Im Laufe des Einsatzes werden die Retter meist nicht namentlich gerufen sondern mit dem Gerätenamen angesprochen.

  6. Die Gruppenleiter werden detailliert informiert und machen sich mit ihren Mannschaften auf den Weg in ihre Suchgebiete. Jeder Gruppe können individuelle Informationen in der App freigeschaltet, da es nicht nötig ist, dass jeder alle Infos erhält. So bleibt die App immer übersichtlich.
  7. Je nach Suchstrategie durchstreifen die Suchgruppen danach die ihnen zugewiesenen Gebiete. Dabei bietet die App die wichtige Möglichkeit, Tracks aufzuzeichnen. Diese Tracks können entweder live oder mit Verzögerung in die Zentrale geschickt werden und stehen dort zur weiteren Verwendung und zur Dokumentation zu Verfügung.
  8. Ausschnitt aus dem Einsatzgebiet mit markanten Punkten
    Ausschnitt aus dem Einsatzgebiet mit markanten Punkten

    Die Zentrale kann jederzeit weitere Informationen zur App hinzufügen, ergänzen oder löschen. Jeder Retter, der über die Handy-App angemeldet ist, erhält diese Infos zugestellt – sofern das Handy Internet-Empfang hat, was im Gebirge gar nicht so einfach ist.

  9. Während der Suche können die Retter das Live-Tracking einschalten, das heißt ihren aktuellen Ort aufzeichnen und in regelmäßigen Abständen an die Zentrale schicken. Dadurch sieht die Zentrale auf der Karte, wo sich die Retter befinden. Während des Trackings können auch Punkte markiert oder Fotos gemacht und an die Zentrale geschickt werden.

Mit diesen Möglichkeiten kann ein Sucheinsatz gut und nachvollziehbar absolviert werden. Es ist sogar möglich, noch während des laufenden Einsatzes Mannschaften gezielt einzusetzen. In unserer Ortsstelle (Bergrettung Ehrwald) nutzen wir manchmal die App auch zum Abwickeln normaler Einsätze, weil so das schnelle Verteilen von aktualisierten Informationen möglich ist.

Bei der ganzen Geschichte gibt es allerdings zwei Wermutstropfen: erstens hat nicht jeder der Kameraden ein Smartphone, und zweitens lässt der Internetempfang am Berg ein sinnvolles Arbeiten mit der App nicht zu. Dass sich beide Dinge in der nächsten Zukunft dramatisch ändern werden, glaube ich nicht. Die alte Magnettafel und der Schreibblock werden daher in der Zentrale nicht aussterben.

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